Living History

Geschichtliche Abläufe und die Herkunft von Traditionen besser verstehen lernen durch das aktive Nacherleben einer historischen Epoche, das ist der Grundgedanke der Living History, der gelebten Geschichte. Die Akteure schlüpfen dazu in historische Rollen und rekonstruieren mittels Kleidung und der Nachgestaltung der geschichtlichen Alltagswelt einen ausgewählten Zeitraum. Ausgehend von Großbritannien und den USA, hat sich die Living History Bewegung auch in Deutschland inzwischen zu einer anerkannten Subkultur mit eigenen Strukturen entwickelt. Beigetragen haben dazu die vielerorts stattfindenden Mittelaltermärkte sowie die Fernsehsendungen, in denen die Kamera Akteure der Living History Inszenierungen begleitete. Ihre gedanklichen Urspünge hat die Bewegung in dem britischen Philosophen Robin George Collingwood (1889 – 1943) und dessen Theorie, nach der sich Geschichte nur dann verstehe lasse, wenn sie in konkreten Situationen authentisch nachgestellt werde.

Popularität und Ursprünge der Living History

Im Unterschied zu der von Collingwood propagierten Nachstellung, dem Reeanactment von einzelnen Situationen, versucht die Living History durch die aktive Rollenübernahme der Beteiligten vergangene Epochen in ihrer Gesamtheit verständlich zu machen. Dazu werden nach Vorlage historischer Bild-Quellen die entsprechenden Kostüme geschneidert und Alltagsgegenstände nach Maßgabe des ausgewählten Themas hergestellt. In Deutschland entwickelte sich insbesondere das Mittelalter zu einer bevorzugten Epoche der Akteure der Living History. Eine ganze Anzahl von Gruppen tritt als Veranstalter von professionellen Mittelaltermärkten auf, die mit der Darstellung alter Handwerksformen, Gauklerunterhaltung und Kulinarik als fahrende Märkte große Zuschauermengen anziehen.

Living History Spektakel mit professioneller Vorbereitung und Darstellung

Museumsdörfer und Bauernhausmuseen sind beliebte Orte, um geschichtliche Epochen mit lokalen Bezügen zum Landleben darzustellen. In Freilichtspektakeln lassen die Akteure der Living History in Reiterspielen und Ritterturnieren das höfische Leben beispielsweise des englischen Mittelalters aufleben. Auch die Darstellung des Lebens im alten Rom, im Wilden Westen oder zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs gehört zu den populäreren Darstellungsformen der Living History. Oft bestehen Living History Gruppen dann aus mehreren hundert Personen mit professionellen Kaskadeuren oder Schauspielern. Spezielle Internetforen mit Anleitungen zum authentischen Waffenbau oder mit Tipps für die historisch korrekte Präsentation von Szenen stehen den Akteuren bei der Planung und Umsetzung von Living History Inszenierungen zur Verfügung.

Boom der Living History durch das Fernsehen

Weniger spektakulär, dafür nicht minder populär wurden die Darstellungen verschiedener Living History Projekte im Fernsehen seit dem Jahr 2002. Vom Leben in der Steinzeit, über das Leben im 15. Jahrhundert oder im Schwarzwald Anfang des 19. Jahrhunderts bis hin zum Alltag der 1950er Jahre wurden vergangene Epochen für das Fernsehpublikum als Living History aufbereitet. Die mehrteiligen Sendungen, in denen die Akteure über einen längeren Zeitraum hinweg begleitetet wurden, verhalfen der Living History in Deutschland zu einer zuvor nicht gekannten Popularität.

Frater Nicolas